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Warum es auf mojoreads keine Werbung gibt

Werbebasierte Erlösmodelle scheinen ein wahres Wundermittel zu sein, die allen Seiten Vorteile bringen: Die Nutzer*innen werbefinanzierter Plattformen müssen nichts für deren Nutzung zahlen, Werbetreibende können ihre Zielgruppen ohne größere Streverluste erreichen und die Plattformen selbst finanzieren sich locker über die generierten Werbe-Einnahmen.

Eine regelrechte Win-Win-Win-Situation, oder? Theoretisch ja. Problematisch wird es immer dann, wenn Menschen ihre Nachrichten und Informationen fast ausschließlich über solche Plattformen beziehen, was leider mehr und mehr der Fall ist.

Das Problem ergibt sich, grob vereinfacht, aus einer Mischung von Agenda-Setting und Framing, da wir in der Regel nur das wahrnnehmen, was unsere Aufmerksamkeit erregt und wir das, was wir wahrnehmen, unterbewusst entsprechend der Art und Weise interpretieren, wie uns das Thema präsentiert wird.

Die zentralen Fagen sind also:

  1. Welche Themen gelangen ins (öffentliche) Bewusstsein?
  2. Wie beeinflusst die Darstellung dieser Themen die (öffentliche) Wahrnehmung?

Oder anders ausgedrückt: Wir sprechen hier über Diskurshoheit und Meinungsführerschaft, nicht zuletzt im politischen Prozess.

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Und was hat das jetzt mit Werbung zu tun?

Wir alle beziehen einen Großteil unseres täglichen Medienkonsums über unsere Smartphones bzw. am Bildschirm. Doch wer entscheidet darüber, was wir dort tagtäglich zu sehen bekommen? Wer entscheidet darüber, was auch tatsächlich unsere Aufmerksamkeit verdient?

Diese Entscheidungen werden nicht von Institutionen mit einem öffentlichen Bildungsauftrag oder von Redaktionen mit dem Anspruch einer ausgewogenen Berichterstattung getroffen, sondern durch Werbebudgets.

Dabei ist »Werbung« in diesem Kontext eigentlich ein irreführender Begriff, da es sich in der Regel eben gerade nicht um Werbeanzeigen im herkömmlichen Sinne handelt, die eine Klare Botschaft haben (Kaufen Sie dieses Produkt!) und für jede*n sofort als solche ersichtlich sind, sondern um speziell aufbereitete Inhalte, deren einziges Ziel es ist, möglichst viel Aufmerkamkeit zu erregen sowie durch eine maximale Emotionalisierung möglichst hohe Interaktionsraten bzw. Klickzahlen zu produzieren.

Denn wer mit Werbe-Klicks Geld verdient, setzt alles daran, jene Art von Inhalten zu produzieren (bzw. produzieren und distribuieren zu lassen), die ihrerseits diese Klicks produzieren. Wie das funktioniert, erklärt die BBC. Dazu bedarf es noch nicht einmal dubioser Geheimdienst-Machenschaften oder einer politischen Agenda. Das kann jeder selbst – hier eine wunderbare Anleitung.

Leider erklärt es auch, warum sich immer mehr seriöse Redaktionen »radikalisieren« und ihrerseits in Richtung Clickbait und Boulevardjounalismus abdriften – es bringt über die Emotionalisierung Klickzahlen und verkauft damit Werbeplatzierungen.

Neben vermeintlichen Sensationsmedlungen sind das in erster Linie Themen, die mit Angst, Wut oder Vorurteilen besetzt sind. Denn leider sind negative Gefühle deutlich einfacher zu erzeugen als positve Gefühle. Negative Gefühle verkaufen sich einfach besser.

Was dabei billigend in Kauf genommen wird: Durch entsprechende Repräsentation wird so letztendlich auch extremistisches Gedankengut salonfähig gemacht, das so alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt und vergiftet.

Öffentlichkeit herstellen

Öffentlichkeit wird heute nicht mehr über die traditionellen Medien von Zeitung, Rundfunk oder TV hergestellt, sondern über Social Media. Diejenigen, die früher einmal Öffentlichkeit hergestellt haben, sitzen heute als Zaungäste am Tisch von Internet-Plattformen, in der Hoffnung, auch etwas vom Aufmerksamkeitskuchen abzubekommen.

Aufmerksamkeit, Repräsentation und damit letztlich auch Recht bekommt dort nicht etwa das bessere Argument, sondern das Argument, das mehr Reichweite generiert, sei es, weil es stärker polarisiert und/oder das größere Werbebudget hinter sich vereint.

Künstliche Reichweiten und damit die Manipulation von Aufmerksamkeit bieten damit aber nicht nur beste Voraussetzung für gezielte Werbung, sondern auch einen idealen Nährboden für gezielte Desinformation, Propaganda und Populismus.

Die damit einher gehende Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung wirkt sich direkt auf die politische Meinungsbildung aus und untergräbt unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung.

Die wahren Kosten für diese Art von Geschäft trägt – wie immer – die Gesellschaft. Die Quittung bekommen wir in Form von Wahlergebnissen, die Populisten massive Zuläufe bescheren sowie über die Zunahmen von Dikriminierung und so genannter »Hassdelikte« gegen Minderheiten oder anderweitig marginalisierter (bzw. offen angefeindeter) Gruppen der Gesellschaft, wobei hinter jedem einzelnen Opfer eben keine wie auch immer geartete Gruppe, sondern ein individuelles Schicksal steht.

Unsere Konsequenz: mojoreads wird eine werbefreie Plattform

Als wir in der Konzeption von mojoreads daher vor Frage standen, ob wir bezahlte Werbung zulassen und damit implizit auch künstliche Reichweiten sowie die damit verbundene Manipulation von Aufmerksamkeit und öffentlicher Meinungsbildung in Kauf nehmen wollen, war die Antwort ein klares Nein.

Denn auch wenn es etwas antiquiert oder aus der Zeit gefallen zu sein scheint, fühlen wir uns den Idealen der Aufklärung sowie einer freiheitlich-demokratischen Wissens- und Informationsgesellschaft verpflichtet. (Bei Interesse hier nachzulesen.)

Als Sozialunternehmen setzen wir Gemeinwohl vor Profitstreben. Entsprechend transparent ist unser Erlösmodell: Wir handeln weder mit Daten noch mit der Aufmerksamkeit unserer Nutzer*innen, sondern einzig und allein mit Büchern.

So bleiben wir ausschließlich unseren Leser*innen verpflichtet, die uns über ihre Buchkäufe dafür zahlen, was auch tatsächlich ihre Aufmerksamkeit verdient.

Und wie weiter?

Natürlich wissen wir, dass es nicht allein damit getan ist, keine Werbung zuzulassen. Viele andere Faktoren wie ein funktionierendes Community-Management (das bei Beleidigungen oder persönlichen Angriffen sofort einschreitet) oder die Art und Weise, wie man die zwischenmenschlichen Interaktionen auf der Plattform gestaltet, spielen selbstverständlich ebenfalls eine Rolle.

Ehrlich gesagt haben auch wir viel mehr Fragen als Antworten, sodass wir in der Weiterentwicklung von mojoreads immer wieder Fehler machen oder falsche Entscheidungen treffen werden, die wir dann korrigieren müssen.

Entsprechend wichtig ist euer Feedback! Wir wollen schließlich eine Plattform bauen, die für uns alle funktioniert. Eine Plattform, deren vorrangiges Ziel kein finanzielles Wachstum, sondern ein persönliches Wachstum ist. Also kein Mehr an Shareholder Value, sondern ein Mehr an Verständnis und Erkenntnis.

Eine Plattform für alle, die – wie wir – in Büchern zuhause sind.

  • Werbung
  • Reichweite
  • Aufmerksamkeit
  • Diskurs
  • Meinungsbildung
  • Demokratie
  • Aufmerksamkeitsökonomie
  • Clickbait
  • Politik
  • Populismus
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mojoreads
Jul 31, 2:18 PM
😂
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mojoreads
Jul 31, 2:20 PM
In diesem Falle empfehlen wir den Klassiker zum Thema: +Propaganda von Edward Bernays ✊
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WriteReadPassion Allein der Link in dem Artikel ist extrem aufschlussreich. Ich hatte wirklich das Gefühl, etwas über die Manipulation von Massen gele...
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mojoreads
Aug 1, 10:30 AM
Danke für das Feedback Chief Propaganda Officer – das freut uns sehr zu hören (bzw. lesen) 😎
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Freut euch nicht zu früh, vielleicht werde ich meinem neuen Namen alle Ehre machen, mojoreads. 😈