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Lesen im Netz

Im Artikel über die Veränderungen im Buchmarkt hatten wir aufgezeigt, dass uns als Branche der Anschluss an die jüngere Zielgruppe verloren geht. Außerdem hatten wir festgestellt, dass die Veränderungen, die eine Branche nachhaltig beeinflussen, immer von den Nicht-Kund*innen ausgehen.

Hier, bei den Nicht-Kund*innen, liegen aber nicht nur unsere größten Probleme, sondern auch unsere größten Chancen – allerdings nur, wenn wir deren Bedürfnisse richtig identifizieren und einen konkreten Nutzen für diese Nicht-(mehr)- bzw. (Noch-) Nicht-Kund*innen schaffen können.

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Das Leseverhalten ändert sich

Die Erfolgsgeschichte von Smartphones und mobilem Internet hat nicht nur unsere Mediennutzung, sondern auch unser Leseverhalten enorm verändert. Dabei ist es mitnichten so, dass heute nicht mehr gelesen würde. Es wird sogar mehr gelesen denn je – nur eben ganz anders als diejenigen von uns, die mit Tageszeitungen und Büchern aufgewachsen sind, es gewohnt sind.

Denn Lesen beschränkt sich bei weitem nicht mehr nur auf Bücher und Zeitungen. Das ganze Internet ist ein einziges großes »Buch«, in dem wir täglich lesen. (Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an all jene, die täglich in dieses Internet hineinschreiben ;)

Unsere Lese-Impulse holen wir uns dort in der Regel über die Timelines bzw. »news feeds« unserer Social Media-Portale oder über spezialisierte Aggregations-Services wie Flipboard, Feedly oder GoogleNews.

»News« in der Tagesschau oder unserer Tageszeitung? Das war einmal. (Leider geht die Schnelligkeit oft zu Lasten der Einordnung in einen Sinn stiftenden Kontext.)

Problemfeld Werbewirtschaft und Aufmerksamkeitsökonomie

Diese Entwicklung hat aber nicht nur Auswirkungen auf unser Nutzungsverhalten, sondern auch auf unser (öffentliches) Kommunikationsverhalten. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die sozialen Medien die Traditionsmedien abgelöst haben – sowohl als Träger von Information als auch als Träger des öffentlichen Diskurses.

Hierin liegt zugleich eines der Kernprobleme von Netzöffentlichkeit:

Die Plattformen, die wir für unseren täglichen Nachrichtenkonsum sowie den kommunikativen Austausch untereinander nutzen, sind nicht auf einen funktionierenden öffentlichen Diskurs ausgelegt, sondern auf Werbebewirtschaftung.

Aufmerksamkeit, Repräsentation und damit letztlich auch Recht bekommt in einem solchen Umfeld nicht das bessere Argument, sondern das Argument, das mehr Reichweite generiert – sei es, weil es stärker polarisiert und/oder das größere Werbebudget hinter sich vereint.

Künstliche Reichweiten und folglich Manipulation von Aufmerksamkeit bieten damit nicht nur beste Voraussetzung für gezielte Werbung, sondern auch einen idealen Nährboden für gezielte Desinformation, Propaganda und Populismus.

Oder anders ausgedrückt: Gerade die so genannten sozialen Medien bringen den öffentlichen Diskurs zum Entgleisen.

Nicht weil sie »böse« wären oder weil dahinter eine verborgene Absicht läge, sondern schlicht und einfach deshalb, weil sie für den Zweck, den sie de facto erfüllen, nie ausgelegt waren und so einen ganz grundlegenden Konstruktionsfehler haben, der zu einer systematischen Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung sowie der öffentlichen Meinungsbildung führt, was letztlich unsere gesamte freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung untergräbt.

Aus diesem Grund benötigen wir demokratiefähige Strukturen im Netz, die Erkenntnisgewinn vor Gewinnmaximierung setzen. (Letzteres ist als eine weitere Anforderung an die Produktentwicklung zu lesen.)

Zwischenfazit

Wir rekapitulieren: Unsere Zielgruppe liest gerne, ist zwischen 19 und 49 Jahren alt und in erster Linie online unterwegs. Dabei liest sie impulsgesteuert, je nachdem, was ihr gerade in die Timeline[s] geschaufelt wird.

Unsere Zielgruppe orientiert sich in ihrem Medienkonsum weder an traditionellen Ausgabeformen (Zeitungen, Bücher) noch Absendern (Redaktionen, Verlage).

Und sie bewegt sich in einem digitalen Umfeld, das durch die permanente Ablenkung von Aufmerksamkeit geprägt ist.

Was direkt auf diesen Plattformen oder über Links zugänglich ist, wird gelesen bzw. konsumiert. Was dort nicht präsent oder mit einem Klick zugänglich ist, hat in der öffentlichen Wahrnehmung keine Relevanz, da es schlichtweg nicht stattfindet.

Journalistische Inhalte sind dort in der Regel noch recht gut vertreten, Bücher nicht. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes nicht (mehr) anschlussfähig. Nicht, weil die Inhalte nicht relevant wären, sondern schlicht und ergreifend deswegen, weil sie ihr Dasein in isolierten (Text-) Containern fristen – entkoppelt vom übrigen Netz und damit alles andere als zugänglich.

WICHTIG: Ganz egal, wie das Verhältnis von digitalen Inhalten und Print in Zukunft auch aussehen wird, unsere Leser*innen bewegen sich im Netz!

Das bedeutet, dass der Erstkontakt mit Inhalten aller Art in jedem Fall ein digitaler sein wird – auch wenn am berühmten Ende des Tages dann wahrscheinlich doch die Print-Ausgabe auf dem Nachttisch liegt (zumindest wenn es um Bücher geht).

Nichtsdestotrotz findet die erste Begegnung online statt und sollte einen guten Eindruck hinterlassen. Denn das ist die eigentliche Relevanz digitaler Ausgaben: Nicht als Ersatz für das Print-Produkt, sondern als dessen unabdingbare Voraussetzung!

Ohne die digitalen Pendants von Texten wird es zunehmend schwerer bis unmöglich, Inhalten in der Netzwelt überhaupt noch Gehör (bzw. Leser*innen) und damit Geltung zu verschaffen.

Erweiterung des Blickfeldes mit »Lesen« im Fokus

Doch zurück zum Hauptthema – dem Lesen, das eben nicht nur Bücher und Zeitungen umfasst, sondern noch so vieles mehr.

Das Absurde ist: Obwohl Lesen überall im Netz stattfindet, gibt es dort keinen Ort, der sich dezidiert um die Bedürfnisse von Leser*innen kümmert – schon gar nicht in der gesamten Bandbreite von der so genannten Kurzform (wie Blog-Beiträge oder journalistische Inhalte) bis hin zur gepflegten Langform (also dem Buch).

Tatsächlich ist Lesen im Netz eine äußerst fragmentierte Angelegenheit. Es gibt Apps und Services für alles und jeden, aber keine Lese-Services, die all die Funktionen und Bedürfnisse rund ums Lesen sinnvoll bündeln.

Es geht hier nicht um die Suche nach dem berühmten »Killer-Feature«, sondern um die mühselige Kleinarbeit, die darin besteht, all die einzelnen Teilchen und Elemente mit der nötigen Geduld so zusammenzupuzzeln, dass am Ende ein großes Ganzes entsteht, das viel mehr ist als die Summe seiner Teile (Emergenz-Effekt).**

Wie soll dieser Ort aussehen?

Die Herausforderung ist, ein Angebot zu schaffen, das es Leser*innen ermöglicht, Inhalte nicht nur zu entdecken, sondern auch so einfach wie möglich zu nutzen, idealerweise mit einem Klick (auf dem Rechner) bzw. Tap (auf dem SmartPhone).

Dass man dort Inhalte auch »kaufen« können muss, versteht sich von selbst. Es sollte aber nicht im Mittelpunkt stehen. Denn mein Kernbedürfnis als Leser*in ist ja nicht, etwas zu kaufen – dass ich für Inhalte bezahlen muss, ist etwas, was ich in Kauf nehme, um dann etwas ganz anderes zu tun: nämlich diese Inhalte in vollem Umfang zu nutzen!

Das heißt, dass ein solches Angebot außerdem noch die Frage beantworten müsste, was ich neben dem Entdecken, dem Kauf und der reinen Lektüre sonst noch so alles mit meinen Inhalten machen kann:

  • Kann ich meine Inhalte mit anderen teilen im Sinne von »wie kann ich andere auf diese Inhalte aufmerksam machen«?
  • Kann ich mich mit anderen über diese Inhalte austauschen, sei es öffentlich oder privat?
  • Kann ich Textstellen markieren und kommentieren? Und auch hier wieder: sowohl öffentlich als auch privat?
  • Kann ich einzelne Wörter bzw. Begriffe nachschlagen oder übersetzen lassen?
  • Kann ich meine Inhalte speichern, ordnen und so sortieren, sodass ich sie später auch wiederfinde?
  • Kann ich mit meinen Inhalten arbeiten? Zum Beispiel in Form von Recherche- oder Referenzmaterial für meine eigene Textproduktion? Inklusive zitierfähiger sowie rechtssicherer Quellenangabe?
  • Kann ich meine Inhalte bzw. meine inhaltliche Expertise monetarisieren? Vielleicht sogar regelmäßige Einnahmen daraus erzielen?
  • Und ist ein solches Angebot auch tatsächlich an meinem persönlichem Gewinn an Verständnis und Erkenntnis interessiert oder werden ich und meine Aufmerksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes an andere verkauft?

Das sind genau die Fragen, die wir uns auch stellen und auf die wir Antworten suchen.

Mit mojoreads haben wir einen Teil dieser Fragen bereits versucht zu beantworten – bislang aber ausschließlich in Bezug auf das Buch, womit wir die Lebenswirklichkeit eines lesenden Publikums im Netz leider größtenteils ignoriert haben.

Nun ist es an der Zeit, den konsequenten nächsten Schritt zu gehen und mojoreads für andere Textsorten zu öffnen.

Unser Ziel: Schritt für Schritt ein Angebot für Leser*innen zu schaffen, das die gesamte Bandbreite an Textformen im Netz abdeckt und sich allein um die Bedürfnisse eines lesenden Publikums kümmert.

Videos und Musik können andere viel besser. Spiele auch.

Aber Text? Hier sehen wir ganz klar Bedarf!

** PS: Oder aber der Lógos, der das Chaos ordnet ;)

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